April Nierose ist das Pseudonym einer Selfpublisherin, deren erstes Buch, der Beginn der „Verfall“ Reihe, im November 2017 erschien. Die ersten drei Bände verfasste sie im Alter von 17 Jahren. Es sollten jedoch 10 Jahre vergehen, bis sie den Schritt zur Veröffentlichung des ersten Bandes wagen würde.

April Nierose legt großen Wert darauf, weder einen reinen Thriller noch einen reinen Roman zu verfassen und setzt mit ihrer Buchreihe an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Genres an.

Bei dem Pseudonym „April Nierose“ handelt es sich um ein Anagramm des Wortes „polarisieren“.

Auf ihrem Instagramaccount teilt sie ihre Erfahrungen als Autorin, Fortschritte und Einblicke in die Welt ihrer Charaktere. 

Linnea: Hallo April,

es freut mich, dich heute hier zu haben – insbesondere da ich selbst ein großer Fan  deiner Bücher bin. Vielleicht magst du erst einmal noch ein wenig mehr über dich und deine Bücher erzählen. Wie bist du zum Schreiben gekommen?

April:

Das ist eine schwierige Frage, auch wenn man sie oft beantworten muss. In der fünften Klasse hatte ich die einzigen beiden Einser in Kunst und Deutsch, aber Kunst mochte ich nicht. Deswegen begann ich nach einer Weile, mit dem Schreiben zu experimentieren, bis ich mit 13 einen Vampirroman schreiben wollte. Jedoch  war Twighlight schneller. 

 

Linnea: Von Twiglight zu Verfall das ist aber ein großer Schritt. Wie kam das?

April:

Ich habe nur solange Monster in meinen Geschichten gebraucht, bis mir klar wurde, dass es schon unter den Menschen genügend von ihnen gibt. Es ist nicht nötig, Monster zu erfinden. Ganz im Gegenteil – die realen machen uns wesentlich mehr Angst.

Mit 13 hatte ich schon einen groben Ansatz im Kopf. Aber erst mit 17 war ich dazu bereit, es in einen Thrillerkonzept umzubauen. Meine Mutter, die selbst in ihrer Jugend gerne Kurzgeschichten schrieb, hat mich zusätzlich darin bestärkt, insbesondere die Scheu abzulegen, brutale Elemente in die Bücher aufzunehmen.

 

Linnea: Warum hast du zwischendurch mit dem Schreiben aufgehört?

April:

Hauptsächlich war es aus Zeitmangel. Ich bin zwischen der elften Klasse und dem Abitur in meine eigene Wohnung gezogen. Der Fokus verlagerte sich auf Schule und Nebenjobs. Dazu kam privater Stress und später das Studium. Es gab immer wieder Phasen, in denen alles zusammenkam, sodass es mir nicht möglich war, an meinen Büchern weiterzuarbeiten. Es lag aber niemals daran, dass ich des Schreibens überdrüssig geworden war.

 

Linnea: Den ersten Entwurf von Verfall hast du damals mit 17 Jahren geschrieben.  Wusstest du von Anfang an, dass du ins Selfpublishing gehen willst?

April:

Ich wusste anfangs gar nicht, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Mir war das Konzept von Verlagen bekannt, man bewarb sich und im Falle einer Absage gab es keine Alternative, dachte ich.

Mein Ziel war es zwar zu veröffentlichen, aber zunächst habe ich nur geschrieben, ohne groß darüber nachzudenken. Erst im Jahre 2017 habe ich begonnen, mich intensiv damit auseinanderzusetzen, als sich die Entscheidung, es in nächster Zeit zu veröffentlichen, konkret abgezeichnet hat.

 

Linnea: Wann kam für dich der entscheide Zeitpunkt beziehungsweise die Erkenntnis, wie du veröffentlichen willst?

April:

Band 1 und 2 waren beinahe komplett fertig und ich habe begonnen, mich über die vorhandenen Möglichkeiten zu informieren. Dabei habe ich vom Selpublishing erfahren. Außerdem habe ich mit Verlagsautoren geredet, die eher negative Erfahrungen gemacht hatten. Ich habe viel gelesen, bis ich schließlich über soziale Netzwerke auf Colja Nowak gestoßen bin, der mich beraten hat. Dadurch hatte ich einen Ansprechpartner, an dem ich mich orientieren konnte.

Ich wollte nicht, dass mir jemand diktiert, was ich zu tun hätte. Dafür hat mir an meinen Büchern einfach zu viel gelegen. Als Bittsteller einem Verlag hinterherzurennen und zu sagen „Bitte nehmt mich“ fand ich erniedrigend. Außerdem war es mir wichtig, selbst entscheiden zu können, was mit meinem Manuskript geschieht. Dafür war ich auch dazu bereit, die Nachteile des Selfpublishments auf mich zu nehmen.

 

Linnea: Wie bist du genau vorgegangen, um dein Buch selbst zu veröffentlichen?

April:

Ich habe solange überarbeitet, bis ich das Gefühl hatte, fertig zu sein, dann habe ich mir eine Lektorin gesucht. Band 1 und 2 bin ich gefühlt hundert Mal durchgegangen, manche Kapitel habe ich regelrecht totkorrigiert. Bei Band 3 waren es nur noch vier Korrekturdurchgänge. Das hat etwas mit der Routine zu tun. Ein Kapitel 100 Mal zu bearbeiten, hat keinen Sinn, wenn sich irgendwann jedes Mal nur ein Satzzeichen ändert. Man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür, auch wenn immer das Gefühl zurückbleibt, dass man noch etwas ändern oder ergänzen würde. Gefühlt fertig ist man wohl nie.

 

Linnea: Eine Veröffentlichung setzt sich aus vielen unterschiedlichen Elementen zusammen. Wie bist du beispielsweise an dein Cover gekommen?

April:

Mein Veröffentlichungs-Mentor Colja, zumindest nenne ich ihn gelegentlich so, hat mir einen Illustrator empfohlen. Ich hatte eine Menge Ideen, aber nichts Konkretes. Da Verfall eine Reihe ist, wollte ich etwas, das sich ebenfalls weiterentwickeln kann. Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, den Inhalt eines Buches auf dem Cover zu spiegeln, insbesondere, wenn man es nicht einmal einem Genre zuordnen kann. Ein Cover soll die Leser neugierig machen und doch nicht restriktiv auf eine Facette des Buches anspielen. Irgendwann habe ich die weiße Wand mit dem Riss bei Pixabay entdeckt und wusste: Das ist es.

Man kann bei Amazon aber auch den kostenlosen Cover Creator nutzen. Dafür braucht man nur ein Bild, das man auf dem Cover positioniert. Viele Kollegen arbeiten ohne Illustratoren, aber das habe ich mich nicht getraut.

 

Linnea: Es gibt viele, die sich unter dem Ablauf des Selfpublishings nichts Konkretes vorstellen können. Kannst du uns grob erklären, wie du deine Bücher veröffentlicht hast?

April:

Es ist eigentlich super einfach. Man lädt nur sein Manuskript, das man in eine Vorlage kopieren muss, sowie das Cover hoch und das war’s. Um die meisten Schritte muss man sich vorher kümmern, wie Korrektur und Coverdesign zum Beispiel. Wichtig ist es auch, eine Steueridentifikationsnummer zu haben, die einigen jungen Autoren noch fehlt. Es ist schade, wenn man längst fertig ist und der letzte Schritt an der Beantragung einer solchen Formalität scheitert. Eigentlich ist die Veröffentlichung an sich der einfachste Schritt von allen.

 

Linnea: Die Meisten der Bücher, die direkt über Selfpublishingplattformen verkauft werden, sind vergleichsweise günstig. Den ersten Band von Verfall gibt es bereits für acht Euro als Taschenbuch und für 99 Cent als eBook zu kaufen. Wie viel davon bleibt tatsächlich für dich übrig?

April:

Der Betrag ist kein Geheimnis, man kann ihn sogar im Internet ausrechnen. Bei Taschenbüchern hängen die Kosten mit der Seitenzahl zusammen.

Die Druckkosten von Band 1 betragen 3,38 Euro für 234 Seiten. Zieht man die Druckkosten und das, was Amazon für sich behält, von den 7,99 Euro ab, bleiben für mich 1,10 Euro pro Verkauf übrig.

Bei den anderen beiden Bänden sind es knapp unter zwei Euro, wenn ich mich nicht irre.

Ich konnte die Preise selber festlegen, wollte sie aber möglichst niedrig halten.

 

Linnea: Was gefällt dir am Besten daran, „unkonventionell“ zu veröffentlichen? Was waren die größten Pluspunkte für dich?

April:

Man kann jederzeit sagen: „Ich will nicht mehr“ und seine Bücher wieder aus dem Shop nehmen. Diese Unabhängigkeit und Flexibilität hat mich sehr gereizt, insbesondere wenn man es erwägt, später bei einem Verlag zu veröffentlichen.

Außerdem arbeitet meine Lektorin für mich und nicht für meinen Verlag. Dadurch kann ich entscheiden, welche Änderungen ich vornehmen will und welche nicht, ohne mich für meine Entscheidungen erklären zu müssen Bei allen Entscheidungen behalte ich die Kontrolle und den Überblick, aber das bedeutet natürlich auch, dass ich die Verantwortung dafür trage, wenn es nicht einwandfrei läuft.

 

Linnea: Das klingt nach einer tollen Möglichkeit. Wurdest du auch mit Problemen konfrontiert?

April:

Es gibt nur sehr begrenzte Möglichkeiten, bekannt zu werden. Wir sind als Selfpublisher Kollegen, keine Konkurrenten und unterstützen uns gegenseitig, indem wir Informationen miteinander teilen und füreinander Werbung machen, aber der klassische Buchmarkt ist ohnehin schon überfüllt. Man findet trotz allem nur schwer neue Leser.

Selfpublishern wird zusätzlich noch weniger Vertrauen entgegengebracht, weil ihnen der Status der vom Verlag Auserwählten fehlt. Viele glauben bis heute noch, Selfpublisher seien Autoren, die aus guten Gründen bei der Verlagssuche gescheitert seien. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit. Ich kenne nur wenige Selfpublisher, die jemals versucht haben, sich bei Verlagen zu bewerben. An der Qualität der Bücher wird ebenfalls großer Zweifel gehegt – man kann also nur sehr schwer eine Leserschaft aufbauen. Ich habe gute Rezensionen und  ein professionelles Lektorat in Anspruch genommen. Trotzdem bin ich vergleichsweise unbekannt. Momentan habe ich nach drei Veröffentlichungen gerade mal 355 Buchverkäufe in zwölf Monaten erzielt, signierte Exemplare und eBooks mitgezählt. Das ist sehr, sehr wenig.

 

Linnea: Kommt es für dich denn überhaupt noch in Frage, in Zukunft auf klassischem Weg zu veröffentlichen?

April:

Ja, wenn die Konditionen stimmen. Ich möchte meine Lektorin behalten, weil sie akzeptiert, wie ich arbeite, ohne meinen Stil zu verbiegen rechtlichen Beistand und viele Freiheiten sowie starkes Mitspracherecht eingeräumt bekommen. Das sind Forderungen, denen große Verlage vermutlich nicht nachkommen würden. Nach Wenn es nach meinen Konditionen läuft, spricht nichts gegen einen Verlag. Es ist nur schwierig, seine Interessen durchzusetzen.

Als Verlagsautor muss man allerdings auch weniger leisten. Es ist nicht mehr nötig, sich um die Werbung zu kümmern und auf eigene Kosten zu veröffentlichen, dennoch hat man eine höhere Präsenz.

 

Linnea: Du versuchst im Moment dein Buch Buchläden anzubieten, um deine Reichweite zu erhöhen. Was sind deine Erfahrungen?

April:

Ich habe bisher keine Rückmeldungen bekommen. So wie ich das sehe, wollen Buchhandlungen keine Selfpublisher im Regal aufstellen. brauchen sie keine Selfpublisher oder glauben das zumindest. Buchhandlungen nehmen, was die Verlage ihnen anbieten. Die meisten Buchhandlungen wählen ihr Sortiment nicht selbst aus, sondern bekommen die entsprechenden Listen gestellt. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Bücher verkaufen, die sich am besten verkaufen würden. Einzelne Selfpublisher oder kleine Verlage selbst auszuwählen, wäre mit Arbeit verbunden, die sich scheinbar gern erspart wird. Gleichzeitig wird darüber gejammert, dass Buchhandlungen aussterben. Trotzdem werden Selfpublisher nach wie vor gemieden. Ich denke, dass den Buchhandlungen eben dadurch sehr viele Einnahmen verlorengehen.

Ich glaube nicht, dass ich es als Selfpublisherin schaffen werde, meine Bücher in Buchläden anzubieten. Natürlich wünsche ich es mir, aber im Moment sehe ich da keine Hoffnung.

 

Linnea: So wie du es erzählst, scheint es, als müsse man trotz der Vorteile, die sich bieten auch einige Abstriche machen.  Wenn du die Möglichkeit hättest, würdest du dich im Nachhinein anders entscheiden?

April:

Nein, ich würde mich definitiv wieder für das Selfpublishing entscheiden. Ich habe vor der ersten Veröffentlichung alle Vor- und Nachteile abgewogen und war mir bewusst, dass es schwierig werden würde, sich zu etablieren.

Außerdem unterstützen wir uns als Selfpublisher gegenseitig. Man freut sich miteinander, anstatt miteinander zu konkurrieren, das ist eine wirklich tolle Sache! Ich denke nicht, dass ich eine derartige Community als Verlagsautorin hätte aufbauen können.